Projekt Betroffene Fotos und Zitate Kontaktpersonen



Vorwort

Es geschah am 11. September 2000 um 18.15 auf dem Weg von der Arbeit
nach Hause. Ich hatte ungefähr nur noch 15 km vor mir. Ich kam in eine scharfe Linkskurve, die mit 70 km/h begrenzt ist. Da flog mir ein Audi A6 mit 140 km/h entgegen. Was dann passierte, weiß ich nicht mehr so genau.
Die Feuerwehr schnitt mich aus dem völlig zertrümmerten Auto, eine anwohnende Krankenschwester hatte den Knall gehört und leistete mit den Feuerwehrmännern Erste Hilfe. Sie hielten mich so am Leben, bis der Rettungshubschrauber kam.


Die Feuerwehrleute der freiwilligen Feuerwehr Rüthen sprachen mit mir, beruhigten mich. Dadurch dass sie mit mir redeten, meine Hand hielten, mir nie das Gefühl gaben ich sei alleine, schafften sie es, dass ich immer den Bezug zum Hier und Jetzt behielt. Sie haben mir in vieler Hinsicht das Leben gerettet- Danke dass es Menschen wie Euch gibt!

Während der ganzen Zeit, so erfuhr ich nachher von den Feuerwehrmännern und der Polizei, hockte der junge Mann (der Audifahrer, 32 Jahre,
der unverletzt blieb) auf dem Bordstein und stammelte ununterbrochen
"oh mein Gott, ich habe sie umgebracht, ich war viel zu schnell...".

Mein Bewusstsein gaben sie mir zwei Tage später im Krankenhaus wieder, nachdem die künstliche Beatmung abgestellt war. Die Wochen, die dann folgten, waren die schlimmsten in meinem ganzen Leben. Mein Becken war zertrümmert, meine ganze linke Körperhälfte wies Trümmerbrüche auf,
vom Kopf bis zum Unterschenkel. Meine Milz war gerissen und die Leber auch. Es folgten mehrere Operationen und Wochen, in denen ich nicht einmal meinen Oberkörper aufrichten durfte.

Die Jahre vergingen, und immer wieder musste ich mit dem Gedanken leben, dass es jeden Tag in jedem Jahr Menschen genauso geht.


Und mein Gewissen sagte mir jeden Tag, du musst was tun. Es geschieht jeden Tag. Wenn du nur einen Menschen davor bewahren kannst, das gleiche Schicksal zu erleiden, oder Schlimmeres, dann lohnt sich die ganze Kraftaufwendung. Im Mai letzten Jahres erfuhr ich, dank einer Schmerztherapie in der Blauen Klinik, was es heißt sich wieder bewegen zu können! Von Herzen Dank an das Team.


In Berlin habe ich viele Menschen kennengelernt, die sofort die Wichtigkeit und Dimension dieses Themas erkannten.

Viele erklärten sich bereit ihr Schicksal aufzuschreiben um Menschen zu bewegen.
Mittlerweile sind wir über 40 Betroffene,

Hinterbliebene, die einen überalles geliebten Menschen verloren haben und wissen, was unbeschreibliche, unerfüllbare Sehnsucht ist.
Menschen, wie meine wunderbaren Feuerwehrleute, ohne die kein Arzt der Welt mich hätte mehr retten können,
Menschen, wie meine Krankenschwester und die Ärzte, ohne die ich nicht mehr hier wäre,
und Menschen, wie Sven A., der den Audi fuhr und, wie er mir nachher berichtet hat, darunter leidet nichts mehr rückgängig machen zu können.

Und alle berichten von dem grausamen Moment des Erkennens, dass kein Mensch immer alles unter Kontrolle hat.
Keiner hätte gedacht, dass es sie treffen könnte...


Ina Kutscher

 

 

Initiatorin